J.G. Rheinberger schreibt an seine Eltern und bittet den Vater um zusätzliches Geld für Neuausgaben.


Brief Josef G. Rheinberger an seinen Vater


München, den 9ten März 1854
Theuerste Eltern!
Diese Tage sagte mir Hr. Professor Leonhard, (welcher jetzt vollkommen hergestellt ist) ich müsste mir zur nöthigen Ausbildung noch verschiedene Werke anschaffen, vorerst aber nur sämtliche Sonaten fürs Pianoforte von C. Maria von Weber, welche zusammen weniger als einzeln
kosten; da diese aber 8 - 9 fl kosten würden, so sagte ich, ich müsste zuerst dem Vater davon schreiben. - Gewiss würde ich es nicht gewagt haben, Ihnen, Theuerste Eltern! mit neuen Ausgaben beschwerlich zu fallen, wenn ich nicht einsehen würde, dass obiges Werk mir jetzt unentbehrlich sei. Ich bitte Sie daher, mir bald zu antworten.-
Hr. Prof. Leonhard gibt sich viele Mühe mit mir, so z.B. gibt er mir öfters Instructionen im Instrumentiren, worin er sehr geschickt ist. Letzthin verbesserte er die Partien der Blasinstrumente an meinem Offertorium ('Universi, qui te ex ectant...') und sagte, diese Arbeit sei mir vorzüglich gelungen. Jetzt corrigirt er mein Quatuor op. IV. -
Bis jetzt habe ich wieder ein Miserere zu 8 Stimmen od. 2 Chöre - ein Stabat mater op. VIII auch zu 8 Singst. od. 2 Chöre, dann ein grosses 'Vaterunser' in Es-dur zu ebenfalls 8 Singst. - und wieder ein grosses Praeludium und Fuga für Hr. Herzog komponirt - alle diese Arbeiten zeige ich zuvor Hr. Professor Schafhäutl, welcher alle, vorzüglich aber Sie, Beste Eltern! grüssen lässt. -

Letzten Sonntag waren wir wieder in der Menterschwaige und besichtigten bei Grosshesslohe den Riesenbau der Eisenbahnbrücke über die Isar. -
Gestern kam Kaiser Franz Joseph hier an. -
Bei dem Industrieausstellungsgebäude werden immerfort die eisernen Säulen aufgestellt - bereits ist jetzt das Bild davon erschienen. -
Jetzt wimmelt die ganze Stadt von Rekruten. Hat der Toni meinen Brief erhalten? Die alten Stiefel sind mir jetzt zu klein geworden, gestern im Iten Abonnementsconcert drückten sie mich so, dass ich bald ein mozart'sches Lied überhört hätte - ich muss sie deshalb in einen Antiquitätskasten schicken und ein Paar andere machen lassen. Die Semmeln sind jetzt so klein, dass ich beim Frühstück oft nicht weiss, ob ich sie schon verzehrt oder nicht.
Ostern werde ich wohl in Türkenfeld zubringen.
Letzthin waren hier 20° Kälte - gewiss sehr selten. Der Toni soll mir schreiben, wen bei uns das Los getroffen, Soldat zu werden, und das Mali soll die cramerschen Etudes
spielen. Ich bin Gottlob! immer wohl, was ich auch hoffe, dass Sie es, Theuerste Eltern! sein werden und um was ich Gott täglich zu bitten ich nie versäume - und indem ich meine obige Bitte wiederhole und baldige Antwort erwarte,
verbleibe ich Ihr
dankschuldigster Sohn
Joseph Rheinberger.

NB. Ich bin begierig, ob die liebe Mutter nicht auf das Osterei vergisst?!

______________