Jos. Rheinbergers Schüler Carl Grossmann berichtet von seinen Erfahrungen in Brüssel


Brief von Carl Grossmann an Jos. Rheinberger:

Bruxelles, 5 Fevrier 73.

Geehrtester Herr Professor!

Schon längst hatte ich mir vorgenommen, Ihnen, verehrter Herr Professor, über unser hiesiges Leben Bericht zu erstatten, immer aber unterblieb diese mir so angenehme Pflicht, wir hofften, dass sich in unserm hiesigen Alleinstehen vielleicht noch Etwas ändern sollte; nun aber haben wir uns vollkommen eingerichtet, so gut es eben gegangen  ist, und es wird wohl in dieser Weise so bleiben, bis wir B/russell wieder verlassen.

Erlauben Sie, dass ich Sie zunächst bitte, Ihrer werthen Frau Gemahlin unsern herzlichsten Dank auszusprechen für die gütige und so ersehnte Nachricht über den Zustand Ihrer Gesundheit, werther Herr Professor. Wir waren in grosser Unruhe, da wir ganz ohne Nachricht von München blieben. Von Herzen wünschen wir nun baldige und vollständige Genesung.

Nun unser künstlerisches Dasein in Bruxelles. Im Laufe des November kamen wir hier an. Herr Kapellmeister Wüllner hatte uns Empfehlungsbriefe an den Herrn Gevaert, Direktor des hiesigen Conservatoriums, und Kufferath, Lehrer an demselben Institute, mitgegeben. Von beiden Herren wurden wir aufs Freundlichste empfangen, und besonders der erstere schien sich sehr für uns zu interessieren. Wir hatten also Grund zur Hoffnung, bei diesem höchst geschätzten Musiker Unterstützung in Arbeiten zu finden. Aber die Sachen nahmen eine andere Wendung. Nachdem Herr Gevaert von unseren Compositionen einige gehört hatte, erklärte er uns rund heraus, dass es für ihn unmöglich sei, unsre Arbeiten zu prüfen und zu verfolgen, unsre Weiterbildung zu überwachen. Wir sahen erst später ein, wie Recht Herr Gevaert hatte und wie nobel seine Freimüthigkeit war. Die musikalische Denkweise der Belgier, die sich noch in Wallonen, d.s. die mehr französierten Belgier/, und Flamländer, der eigentliche Nationalstamm, theilen, ist andrer Art als unsre deutsche Empfindung. Sie ähnelt mehr dem italienischen Geschmack. Man denkt mit einem Worte 'vocal', während bei uns der Schwerpunkt eben doch im 'instrumentalen' liegt. Einige Werke des Herrn Gevaert, die wir durchsahen, bekundeten uns dies zur Evidence. Man schreibt eine, vielleicht sehr schöne Melodie, und die Begleitung macht keine Verlegenheit. Da setzt man

[Noten] oder [Noten]

Die ganz noble Art, wie uns H/err/ G/evaert/ aufgenommen und mit uns gesprochen hat, hat uns mit vollständiger Hochachtung für diesen Herrn erfüllt und wir bedauern sehr, nicht öfter mit ihm verkehren zu können. Da Herr G/evaert/ hier als der Culminationspunkt in musikalischer Beziehung gilt und ein Ansehen geniesst, wie es mir wirklich noch nie vorgekommen ist, so wäre jede weitere Mühe verloren gewesen. Wir sind also auf uns angewiesen, und hier ist nun der Ort, wo wir kommen können und müssen, I h n e n z u d a n k e n, geehrter Herr Professor. Unter Ihrer Meisterleistung haben wir einen Grund gelegt, auf dem wir jetzt und unser ganzes Lebelang weiterzubauen gedenken. Wir sehen das hier recht ein, und ich freue mich, es aussprechen zu können. Möchten Sie doch in steter Gesundheit so fortwirken und Schüler auf Schüler hinaussenden, die sich alle in dem e i n e n Punkte vereinigen, das w a h r e Wesen unsrer herrlichen Kunst und das Lob und den Ruhm ihres Meisters all überall zu verbreiten und zu verkünden! In unseren Arbeiten machen wir, so hoffe ich, Fortschritte. Ich habe meine ganzen früheren Arbeiten bei mir und verkehre fleissig mit ihnen. Auch einige Compositionsversuche habe ich wieder gemacht und jetzt eine Sonate für Kl/avier/ und Viola angefangen. Besonders Herr Meyer  ist sehr productiv. Er hat bedeutende Compositionsanlagen, die mir fehlen. Die verlorene Zeit hätte bei mir vielleicht Manches ersetzen können, so wird mir immer die 'Routine' abgehen. Solch ein mit Hindernissen und Kämpfen ausgestattetes Leben wie das meine erzeugt gewisse 'philosophische' Gedanken, die der Kunst nicht zum Vortheile dienen. Thuen wir unsre Pflicht weiter. -

Herr Meyer hat also bereits ein Heft Duetten für 2 Frauenstimmen mit Klavier, und ein Heft sehr netter Klavierstücke, beides zu Geburtstagen seinen hohen Gönnerinnen, der Prinzessinnen von Weimar geschrieben, und jetzt eine Symphonie unter der Feder, die eben auch viel verspricht. Er würde Ihnen selbst geschrieben haben, wenn er nicht /mit/ Schmerzen auf die Herausgabe einiger Werke hoffte, die demnächst bei Kahnt in Leipzig erscheinen werden. Dann wird er sich selbst die Freude machen, zu schreiben. -

Sie wissen, geehrter Herr Professor, dass wir die Freude hatten, Herrn v. Bülow hier zu sehen und - zu hören. Das war ein Sonnenstrahl. Unter vielen, vielen Gaben, die er immer reichlich und meisterlich vertheilt, empfingen wir auch Ihre Toccata in G moll [1], und ich freue mich, Ihnen sagen zu dürfen, dass dieses Stück sehr gefallen hat und mehrfach in den Musikalienhandlungen verlangt worden ist; die guten Leute mögen ihre Finger auch einmal an einem solchen eminenten Werke versuchen.

Was sonst die Conzerte in Bruxelles anlangt, so kann man nicht klagen. Man hört nur gute Musik, und das ist eigentlich in gewisser Beziehung ein kleiner Widerspruch gegen das nationale Gefühl der Belgier. In den 'Concerts populaires', die im Theater stattfinden und wegen ihrer eminenten Billigkeit 'populaires' heissen (der letzte Platz kostet 10 cts., sage 10 centimes = ca 2 Xr) in diesen also giebt es vortreffliche Musik und Beethoven, Mendelssohn, Schumann sind da gute Bekannte.

Mozart haben wir leider noch garnicht gehört. Dann sind noch die Cyclus Conzerte der Philharmonie, ebenso grossartig,  und die Cyclus Conzerte des 'Conservatoire royale', die aber mit diesem Institut nichts gemein haben als den Namen und den Director.

Erstere stehen unter Leitung des Herrn Vieuxtemps [2], des eminenten Violinvirtuosen und s e h r g u t e n Dirigenten, die zweiten unter Leitung von Herrn Dupont, Kapellmeister am Theater, und die letzten unter der des Herrn Gevaert, wie schon genannt. In einem der letzteren hörten wir vor Kurzem Frau Schumann Beethovens G dur Conzert spielen. -

Eigentlichen Verkehr haben wir nur mit einem Herrn Dupont, Auguste Dupont, ein Bruder des Kapellmeisters. Dieser ist höchst liebenswerth und leistet auch als Componist und Virtuos bedeutendes, mehr in unserer Denkweise. Dieser Herr hat warmes Interesse für uns und die ganze deutsche Kunst; nächstes Jahr will er eine grosse Reise nach Deutschland und durch Deutschland unternehmen, und da wird es Sie gewiss interessiren, diesen lieben und tüchtigen Kunstgenossen kennen zu lernen. - Ich erwähne noch, dass wir auch noch tüchtig Klavier üben, überhaupt ganz auf uns. Münchner Basis weiter arbeiten und -bauen. -

 So, geehrter Herr Professor, haben Sie in kurzen Zügen unser m u s i k a l i s c h e s Leben in unserer neuen Sphäre. Sie ist nicht ganz so, wie wir gehofft hatten, indem wir München verliessen, aber doch haben wir, besonders ich, einen Vortheil gefunden, den uns nur eine ganz andre Luft biethen konnte. Und das ist die Anregung. Die Anregung zum Arbeiten, zum Lernen überhaupt. Fast alle mit geistigen Arbeiten beschäftigten Köpfe haben den wohlthätigen Einfluss des Neuen, neuer Sitten, neuer Gebräuche, neuer Sprache empfunden, und nur ganz bevorzugten ist es vergönnt, stets aus sich selbst zu schürfen. Zu den ersteren gehöre namentlich ich. Ein fortwährendes Einerlei erzeugt bei mir eine gewisse Gemüthlichkeit, eine Trägheit des Gehirns, die mir schädlich ist. Ich gerathe dann in's Philosophiren, werde der Raub meiner missmuthigen Gedanken - das ist ohne Zweck. In München hatte ich eine gemüthliche Häuslichkeit, meine Ruhe, die langhergebracht war - hier findet sich der Geist urplötzlich angestachelt. Alles, was man sieht, ist neu, das kleinste Ding, das unansehnlichste interessirt, beschäftigt, regt den Geist an, erfrischt ihn, verjüngt. Auch Herr Meyer empfindet dies. In dieser Beziehung haben wir viel, viel gefunden, was auf die Zukunft von Bedeutung sein wird. Das Leben ist im allgemeinen sehr angenehm und nicht sehr theuer, wie wir befürchtet hatten. Die Menschen sind freundlich und liebenswürdig; merkwürdig  ist, dass für Frankreich wenig Sympathie vorhanden ist, man hat die Suprematie dieses herrschsüchtigen, unruhigen Volkes und hat mehr Neigung für die Deutschen. Man hört auch sehr viel Deutsch sprechen, und die flämische Sprache, die eigentliche Nationalsprache, ähnelt auch sehr dem Deutschen. Man findet sie jedoch nur in den untersten Klassen der Gesellschaft, Beweis, da ein solcher Mischstamm nicht lebensfähig ist. Alles, was nur halbwegs auf Bildung Anspruch macht, spricht französisch (d.s.d. Wallonen) und versteht garnicht flämisch. -

Die Stadt an und für sich ist sehr schön und grossartig. München ist ganz klein dagegen; prächtige Anlagen, Boulevards und Paläste umgeben und durchziehen die Stadt. Die Theater, deren es 7 ziemlich genau giebt, sind natürlich alle französisch; ich besuche sie viel, ich war von immer her ein grosser Freund dieser 'bretternen' Welt. - Die grosse Oper, Le Théâtre de la Monnaie, nährt sich von Meyerbeer, Verdi, Rossini, Auber, Gounod und den anderen Italienern und Franzosen; alle Wochen giebt man die Afrikanerin und Faust, unsern herrlichen Goetheschen Faust in der bekannten 'Verböserung'. -

Die Umgebung Br/üssels/ soll auch im Sommer herrlich sein, ich freue mich darauf, doch meine lieben, heimathlichen 'deutschen Berge' werden mir nicht ersetzt werden. Wir denken nun, da wir einmal hier sind, auch alle Vortheile, die uns geboten werden, auszunutzen und unser vorgenommenes 3/4 Jahr auszuhalten, ehe wir in unsre Heimath zurückkehren. Hoffentlich können wir, d.h. ich (wir haben uns beide so angewöhnt in der Mehrzahl zu sprechen) - dann München besuchen, wo es mich herzlich freuen wird, geehrter Herr Professor, Sie in bester Gesundheit anzutreffen und Ihnen persönlich die Gefühle meiner Dankbarkeit und immerwährenden Erinnerung auszudrücken.

/…/

Für Ihre Gesundheit füge ich nochmals meine aufrichtigsten Wünsche an und bitte, auch für fernere Zeiten um freundliche Erinnerung und Wohlwollen. Mit herzlichstem Gruss und treuer Ergebenheit

Ihr dankbarer Schüler

Carl Grossmann.

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[1] Toccatina op. 19.
[2] Henri Viextemps (1820-1881), Pariser Violinvirtuose und Komponist.