Franziska Rheinberger berichtet von dem angeschlagenen gesundheitlichen Zustands Josef Rheinbergers.


Mein lieber Peter!

Heute ist Curt zum erstenmale über Tisch aufgestanden. Gott sei Dank!! Allerdings in einer unbeschreiblichen Mattigkeit und sehr melancholisch. Allein - es hätte auch anders kommen können! Jetzt geht allerdings die schwierige Kur - was Schonung betriff, erst an. Aber, wenn er nur erhalten bleibt, so findet er an seiner Kunst selbst ohne äusseren Beruf noch immer vielen Trost. Davon zu sprechen ist jetzt noch zu früh. Dr. Quaglio, der ihn voriges Jahr such an der Bronchitis gut behandelt (er ist Homeopath) hat auch diessmal, wie es scheint, das richtige getroffen. Da ich in meiner ersten Angst sogleich an Schwester Maxentia[1] geschrieben habe, so bitte ich eine Deiner lieben Töchter ihr Mittheilung über Curt zu machen und sie um fortdauerndes Gebet zu bitten.

Seine Ergebung und Andacht bei Empfang der hl. Sterbesakramente die er selbst verlangt hat, war ergreifend. Die Teilnahme ist geradezu grossartig. Prinz und Prinzessin Ludwig schicken jeden Tag her, such Herzog Carl Theodor u. Andere.

Da ich doch - wegen der Pflege - dann und wann in die Luft muss, besuchte ich neulich Egon in seiner Kunstschule; wollte ihm auch Nachricht über Onkel geben. Es war mir lieb ihn zu finden und dass er mich sogleich in sein Atelier führte, wo er allein mit einem anderen Bildhauer an einem männlichen Kopfmodell arbeitete. Er hatte 3/4 Profil, eine schwere Aufgabe; macht es aber überraschend gut. Er sagte, es sei so angenehm in dieser Ruhe zu arbeiten, da sie nur zu zweit seien. Ich glaube, dass Euch diese Mittheilung Freude macht. [...]

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[1] Schwester Maxentia = Rheinbergers Schwester Johanna (Hanni) war Generaloberin im Kloster der Barmherzigen Schwestern in Zams (Tirol)