Rheinberger mahnt Olga wegen des bevorstehenden Winters zur Rückkehr nach München und berichtet über seinen Eindruck von ihrem Bruder Egon


München 19.11.93

Meine liebe Olga!

Den Brief Deiner guten Mama, die ich bestens grüsse, habe ich erhalten und daraus ersehen, dass sie sich schwer mit dem Gedanken vertraut macht, Dich wieder nach München ziehen zu lassen. Das nehme ich ihr auch nicht übel, denn Deine ersten Pflichten gehören ihr. Wäre ich wohl, so würde ich sagen, Du sollst das ganze Jahr bei ihr bleiben. Da dies aber nicht der Fall ist, so müsste ich bei etwaiger ernsterer Erkrankung Alles den Dienstboten überlassen, und das ist auch eine sehr ernste Sache für mich. Ich meine also, Deine Mama sollte Dir erlauben, bald zu kommen, dafür kannst Du dann meinetwegen schon im Mai wieder nach Vaduz gehen. Jedenfalls sei so freundlich, mir bald Nachricht zu geben, damit ich mich danach richten kann. -

Egon hat mich besucht, aber bei seiner bekannten Schweigsamkeit so gut wie gar nichts erzählt und wenn man so mühsam jedes Wort herausfragen muss, so ist das eben doch sehr umständlich. Für ihn halte ich es für viel praktischer, wenn er die kunstgewerbliche Seite seines Metiers pflegen würde; z.B. ein Jahr lang bei einem feinern Steinmetzen arbeiten würde, um Grabmonumente, Altäre, Portale, Figuren usw. machen lernte, denn ein Kunstbildhauer heutzutage, der nicht geradezu ein Genie ist und Glück hat, kann jederzeit wegen Mangel an Bestellungen zu Grunde gehen.

Dazu kommt noch sein Mangel an Bildung und Umgangsformen! - Wenn er sich zum tüchtigen Kunststeinmetzen ausbildete, könnte er im alten Hause meiner Eltern[1] eine ordentliche Werkstätte einrichten und hätte seine Mama in der Nähe und könnte ihr in Allem behilflich sein; was er bisher gelernt, käme ihm Alles zu statten. Kirchen, Grabmäler und Häuser werden auch in Liechtenstein gebaut und dort macht man an Umgangsformen keinen Anspruch.

Ich schreibe dies Dir , damit Du es ihm gelegentlich nahe legen kannst, denn von mir würde es ihn vielleicht verdriessen - übrigens habe ich Ähnliches schon seinem Papa gesagt.

Doch jetzt will ich schliessen, denn ein so langer Brief geht mir in die Nerven. Mit herzlichen Grüssen an Alle

wie immer Dein Onkel
Jos. Rheinberger.

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[1] im alten Hause meiner Eltern = Nach seiner Pensionierung lebte der Vater Josef Rheinbergers mit seiner Familie in seinem Haus Nr. 19 in Vaduz.