Rheinberger berichtet seiner Nichte Olga aus den Ferien über die gesellschaftlichen Verhältnisse


Bad Kreuth 3.8.94

Meine liebe Olga!

Das Wetter war bisher gut und die gesellschaftlichen Verhältnisse recht angenehm; ich trinke fleissig Molke, aber mein Molkenbecher, der mir seit 28 Jahren diente, wurde mir gestohlen – oder, da er doch wenig Werth repräsentirte, vielleicht von einem Kind zerschlagen. So nimmt halt Alles früher oder später sein Ende. Prof. Ille mit Frau lassen Dich schön grüssen, sie sind mir eine liebe Gesellschaft. Der König v. Neapel speist jetzt auch an der Mittagstafel mir vis-a-vis. Da aber kommende Woche auch die Königin hier Aufenthalt nimmt, so wird er schon „vornehmer“ thun müssen. -

Egon wird jetzt wohl schon zu Hause sein, so dass es im rothen Hause nicht an Leben fehlen wird. Gehe nur recht fleissig mit den Sandalen a la Kneipp spatziren, aber nur im Thau, nicht auf der staubigen Landstrasse, oder Sonntags gar in die Kirche! Sind auch Fremde zum Aufenthalt in Vaduz?

Grüsse bestens Deine liebe Mama, die sich hoffentlich wohl befindet, sowie Hermine, Emma und Egon und sehe recht auf Deine Gesundheit. Wie immer Dein Onkel
Jos. Rheinberger.

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