Johann Herzog bittet Rheinberger eine Erklärung zu unterschreiben.


Erlangen, den 23.4.88

Hochverehrter Freund!

Es kommen eigene Erscheinungen in der Welt vor. Ich bin heute in der Lage, von einem ehemaligen Schüler ein Zeugniss beanspruchen zu müssen. Es fällt mir aber schon insofern recht leicht, als der ehemalige Schüler "grösser ist als sein Meister." Ich habe Dir jüngst in München erzählt, dass ich um meinen dauernden Ruhestand eingegeben habe und die Sache am Cultusministerium liege. Gestern hat der Minister die Sache zurückgeschickt mit dem Bemerken, dass zu dem ärztlichen Zeugniss auch noch zwei Begutachtungen von Fachmännern zu erholen seien, indem diess durch einen unumgänglichen Paragraphen der Verfassungsurkunde vorgeschrieben sei.

Herr Universitätsprof. Dr. J. Müller, auch ein tüchtiger Musiker, hat nun seinerseits diese Pflicht erfüllt. Ich bitte Dich, diese Erklärung mit zu unterschreiben und ganz kurz ein paar Worte über meine langjährige Thätigkeit beizufügen.

Ich bin am 6. Sept. 1822 geboren, seit meinem 19. Jahr in Thätigkeit und zähle jetzt nahezu 46 Dienstjahre, von welchen leider nur die hier zugebrachten 34 Jahre pragmatisch sind, sodass ich trotz der langen Zeit 1/10 meines Gehaltes, sowie den Zuschuss an Wohnungsgeld verlieren muss. Es muss, wie Dr. J. Müller gethan, gesagt werden, dass ich wegen Schwächung der Nerven, Abnahme des Gehörs und rheumatischer Beschwerden an den Händen ausser Stand sei, den langjährigen schwierigen Beruf des Unterrichtes dauernd mehr zu verrichten. Du kannst aber auch es ganz kurz machen, indem Du sagst: der Unterzeichnete ist mit obiger Erklärung nach eigener Beobachtung vollkommen einverstanden - und kannst als Sachverständiger noch ein paar Worte über mein Musikstreben, wenn auch nur während meiner Münchener Zeit, beifügen. Thue mir also den Gefallen. Die Sache pressirt freilich. Einen hiesigen Musikverständigen unter den Organisten und Musiklehrern möchte ich nicht auffordern. Es sind diess lauter Lehrer der Volksschule, denen ich eigentlich nicht näher getreten und die sich in ihrem Schulmeisterdünkel auf dieses Ansuchen mehr einbilden würden, als nöthig wäre. H. Professor und Canzler haben mir deshalb selbst den Rath gegeben, eine auswärthige bekannte Persönlichkeit darum zu ersuchen.

Wenn mich Gott 100 Jahre und darüber erleben lässt, kann ich Dir vielleicht noch einen ähnlichen Gefallen erweisen. Mit herzlichen Grüssen an Dich und Deine hochverehrte Frau

Dein alter Schulmeister u. treuer Freund

Herzog.

Die mitfolgenden Papiere sende gefälligst mit zurück.

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