Der liechtensteinische Gesandte in Wien, Prinz Eduard, ersucht um Sondierung, ob die Schweiz eine Gesandtschaft in Prag errichtet und ob sie bereit ist, die liechtensteinische Interessenvertretung in der Tschechoslowakei zu übernehmen


Maschinenschriftliches Schreiben der liechtensteinischen Gesandtschaft in Wien, gez. Prinz Eduard, an die liechtensteinische Gesandtschaft in Bern [1]

4.5.1920, Wien

Betrifft: Interessenvertretung in Prag

Aus Zeitungsnachrichten haben Seine Durchlaucht der Fürst [Johann II.] entnommen, dass zwischen dem Schweizerischen Bundespräsidenten [Giuseppe Motta] und dem Präsidenten der čecho-slovakischen Republik [Thomas Masaryk] in letzter Zeit irgend welche Freundschafts-Bezeugungen gewechselt wurden. Mir sind solche Zeitungsnachrichten entgangen. Nach mündlicher Information des Fürsten soll jedoch ein Delegierter Massaryk's in Bern gewesen sein und scheinen offizielle Reden gewechselt worden zu sein. [2]

Die fürstliche Gesandtschaft in Bern wird beauftragt, umgehendst hierüber einen eingehenden Bericht zu erstatten, weiters festzustellen, ob die Schweiz nunmehr eine eigene Gesandtschaft in Prag, und zwar getrennt von der Wiener Gesandtschaft errichtet, oder was sonst diesbezüglich für Pläne vorliegen. Bejahenden Falles könnte in unverbindlicher Weise auch sondiert werden, ob die Übernahme der liechtensteinischen Interessen in Prag grundsätzlich erwünscht ist, wobei ich mir natürlich noch vorbehalten würde, die Art dieser Vertretung soweit sie sich auf die Vertretung der fürstlichen Interessen bezieht, speziell zu erörtern und zu regeln.

Der Fürst legen grossen Wert darauf, die gegenständlichen Informationen mit dem Samstag-Kourier zu erhalten und haben sogar telegrafische Berichterstattung verlangt. Falls dies nötig wäre und eine Mitteilung für den Freitag-Kourier nicht fertig sein könnte, so wäre in dem Telegramm jedes Wort, welches die Sache auch für Unbeteiligte zum Ausdrucke bringt, zu vermeiden. Das Telegramm könnte etwa lauten: „Zur Zahl 367/1 Beziehungen gut Errichtung erfolgt Schweiz Übernahme bereit". [3] Neben dieser Depesche wäre aber ehestens ein ausführlicher schriftlicher Bericht zu erstatten. [4]

Der fürstliche Gesandte:

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[1] LI LA V 002/0048 (Aktenzeichen der liechtensteinischen Gesandtschaft in Wien: 367/1. Aktenzeichen der liechtensteinischen Gesandtschaft in Bern: 503). Eingegangen bei der liechtensteinischen Gesandtschaft in Bern am 10.5.1920. Weiteres Exemplar unter LI LA V 003/0103 (mit obgenanntem Aktenzeichen). Noch 1919 hatte sich Liechtenstein um die Errichtung einer eigenen liechtensteinischen Vertretung in Prag bemüht: Vgl. etwa den Bericht von Prinz Eduard vom 14.5.1919 über die diesbezüglichen Verhandlungen mit tschechoslowakischen Regierungsstellen (LI LA V 003/0043/06 (Aktenzeichen: 8/2)), ferner den Bericht von Prinz Eduard an Landesverweser Prinz Karl vom 10.10.1919 über die Unterredung mit dem tschechoslowakischen Aussenminister Edvard Beneš (LI LA RE 1919/0105).
[2] Vgl. in diesem Zusammenhang: L.Vo., Nr. 31, 17.4.1920, S. 2-3 („Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der tschechoslowakischen Republik") betreffend die Überreichung des Beglaubigungsschreibens in Bern durch den ausserordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister der Tschechoslowakischen Republik Cyril Dušek.
[3] Am 11.5.1920 erging seitens der liechtensteinischen Gesandtschaft in Bern folgendes Telegramm an die liechtensteinische Gesandtschaft in Prag: „Zur Zahl 367/1. keine gesandtschaft. wahrscheinlich generalkonsulat. beziehungen gut" (LI LA V 003/0103 (Aktenzeichen der liechtensteinischen Gesandtschaft in Wien: 367/2)).
[4] Der liechtensteinische Geschäftsträger in Bern, Emil Beck, berichtete der liechtensteinischen Gesandtschaft in Wien mit Schreiben vom 16.5.1920, dass die tschechoslowakische Regierung die Errichtung einer schweizerischen Gesandtschaft in Prag gerne sehen würde. Nach Erachten Becks war es jedoch wahrscheinlicher, dass das bestehende schweizerische Konsulat zu einem Generalkonsulat ausgebaut werde. Von den vom Schweizer Bundesrat vorgeschlagenen Gesandtschaften seien von der Bundesversammlung nur Stockholm, Warschau und Brüssel bewilligt worden, während Prag, Belgrad, Athen und Konstantinopel noch keine Gesandtschaften erhielten. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der Tschechoslowakei seien die besten und man gebe sich beiderseits Mühe, dieselben aufrecht zu erhalten. Emil Beck glaubte, dass die Schweiz – sobald dies gewünscht würde – gerne bereit wäre, die Vertretung der liechtensteinischen Interessen, speziell auch diejenigen des Fürsten, in Prag in gleicher Weise wie in anderen Staaten in zu übernehmen (LI LA V 003/0103 (Aktenzeichen der liechtensteinischen Gesandtschaft in Bern: 541. Aktenzeichen der liechtensteinischen Gesandtschaft in Wien: 367/3); weiteres Exemplar unter LI LA V 002/0048 (genanntes Aktenzeichen der Berner Gesandtschaft)).